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Interview: Wie du Strassenhunden auf Reisen richtig begegnest

Vor einigen Jahren wurde ich von einem Strassenhund in Südamerika gebissen. Zum Glück war der Biss nur oberflächlich, aber seitdem bin ich verunsichert im Umgang mit Strassenhunden. Ich habe keinerlei Erfahrung mit Hunden, daher freut es mich sehr, dass ich Antje Hebel ganz viele Fragen stellen konnte. Sie hat jahrelang mit Strassenhunden auf Bali gearbeitet und kennt die Probleme.

 

Interview mit der Hundeexpertin Antje Hebel

1. Bitte stell dich kurz vor

Hallo, ich bin Antje Hebel, Tierpsychologin und Tier-Ernährungsberaterin. Ich helfe anderen Menschen, ihre Hunde zu verstehen und deren Verhaltensprobleme zu beenden. Begonnen habe ich 1986, weil mein erster Hund einfach total unerzogen war… ich musste mir was einfallen lassen und wurde Hundetrainerin.

 

Heute therapiere ich hauptsächlich aggressive, hyperaktive und traumatisierte Hunde. Aber meine große Liebe gilt den Strassenhunden, denn sie sind unverfälscht, emotional und gnadenlos ehrlich.

 

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2. Erzähl von deiner Zeit auf Bali

Auf Bali habe ich 15 Jahre gelebt und war im Tierschutz tätig. Wir haben Strassenhunde gefüttert, medizinisch behandelt und sozialisiert, damit sie in Familien vermittelt werden konnten. Denn niemand mochte diese Hunde. Strassenhunde sind anders. Menschen kamen nicht gut mit ihnen klar. Denn ihr Vertrauen zu gewinnen ist nicht einfach. Das sind keine verweichlichten Sofahunde. Im Bali-Hund ist die Genetik des Ur-Hundes seit 5000 Jahren am reinsten erhalten geblieben. Es sind intuitive Opportunisten. Sie nehmen was das Leben ihnen bietet und machen das beste draus.

 

In Entwicklungsländern werden Hunde nicht gut behandelt. Auch in Bali war Tierquälerei an der Tagesordnung. Strassenhunde wurden gequält. Teure Rassehunde wurden in engen Käfigen zur Zucht mißbraucht. Sie dienten nur als Einnahmequelle, wurden vernachlässigt und im Alter einfach verhungern lassen.

 

Deswegen war ich auch in Schulen aktiv, um den Kindern die Angst vor Hunden zu nehmen. Um ihnen zu demonstrieren, was Hunde für wunderbare Wesen sind und dass wir liebevoll mit ihnen umgehen müssen.
Aber ich habe auch erwachsene Menschen geschult und zu Hundetrainern ausgebildet. Auch die Angestellten von Hotels und Security Unternehmen habe ich im Umgang mit ihren Diensthunden unterrichtet.

 

Es war eine sehr intensive Zeit auf Bali. Dort habe ich begriffen, dass Hunde ganz anders sind, als sie in unseren Hundebüchern dargestellt werden. Bali war der Grundstein, dass ich heute mit aggressiven Hunden arbeiten kann. Dass ich in der Lage bin, sie behutsam und erfolgreich aus ihren emotionalen Blockaden herauszuführen.

 

3. Warum setzt du dich so stark für Straßenhunde ein?

Ich weiss es nicht. Irgendwie haben sie mein Herz erobert. Vielleicht sind wir Seelenverwandt. Durch das lange und enge Zusammenleben mit Strassenhunden, weiss ich heute recht gut, wie sie fühlen und was sie brauchen. Ich habe erlebt, wie komplett sich Hunde verändern, sobald sie uns vertrauen und wieder Zuversicht bekommen.

 

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4. Wo lebst du heute? Was machst du?

Ich lebe seit 2014 wieder in DE, in Zwickau. Hier betreibe ich meine Therapie-Praxis für die Hundebesitzer in meiner Nähe. Menschen von außerhalb berate und betreue ich online. Das funktioniert sehr gut. Denn bei Verhaltensproblemen muss nicht der Hund trainiert werden, sondern der Mensch. Die Besitzer brauchen Hilfe und Anleitungen, wie sie selber in Problemsituationen reagieren sollten, damit der Hund sich ändern kann. Ohne die modernen Medien könnte ich all den Menschen nicht helfen.

 

5. Wie kann ich Straßenhunde besser verstehen?

Zuerst einmal müssen wir klären, was Strassenhunde sind. Wir reden hier von wilden Tieren mit ursprünglichem Charakter, die keinen Bezug zu Menschen oder zur Zivilisation haben. Ein vernachlässigter Terrier oder Kreuzungen anderer Rassehunde sind keine Strassenhunde, denn sie wurden durch gezieltes Züchten genetisch stark verändert.
Echte Strassenhunde sind also wilde Tiere wie Krokodile oder Leoparden, denen wir mit Verständnis begegnen sollten. Sie kämpfen täglich um’s Überleben und können sich keine Fehler leisten. Ihre Instinkte und Ängste sind ganz natürlich erhalten geblieben. Das macht sie auch so liebenswert. Denn selbst ihr vermeintlich aggressives Verhalten ist ehrlich und pur, wie bei jedem anderen freilebenden Tier. Wer das respektiert, versteht sie auch.

 

6. Viele Leute haben, wie ich, wenig Erfahrung mit Hunden, was sollten sie generell wissen?

Ganz einfach, tu das, was unsere Großmütter uns beigebracht haben. Das gleiche was wir auf einer Safari tun: Halte dich fern, bewegen dich langsam oder gar nicht und vermeide Augenkontakt.

 

7. Wie kann ich die Körpersprache richtig deuten?

Da könnten wir ganz pauschal sagen, je größer, langsamer und steifer ein Hund wirkt, desto aggressiver kann er reagieren. Je kleiner und unscheinbarer er sich gibt, desto mehr Angst hat er. Aber das fliesst letztlich alles zusammen. Denn Aggression ist immer die Folge von Unsicherheit. Und nicht alle Angsthunde rennen immer weg. Auch die ängstlich erscheinenden Hunde können beissen.

 

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8. Gibt es Warnsignale?

Bei aggressiven Strassenhunden gibt es meist keine. Sie beissen um zu überleben und überraschen ihren Gegner. Die ängstlichen bellen oft oder zeigen erst die Zähne. Aber sie können genauso heftig zubeissen.

 

9. Ich erinnere mich noch an meine Zeit auf Bali. Wo ich tagsüber keinerlei Probleme mit Straßenhunden hatte, aber sobald es dunkel wurde, sind sie in Rudeln durch die Gassen gezogen und waren auf einmal aggressiv. Ist das typisch? Und wie verhalte ich mich am besten?

Ja, das ist typisch. Und ich warne alle Touristen, Nachts auf einem Moped durch die Gegend zu fahren! Im Auto ist es sicherer, wenn auch nicht so romantisch. Aber es passiert auch tagsüber, dass diese Hunde alleine oder in kleineren Gruppen angreifen.

 

10. Muss ich mehr aufpassen, wenn ich Hunden im Rudel begegne? Verhalten sich Hunde dann anders?

Sicher. Ein Rudel ist immer stärker, als ein Einzeltier. Einen einzelnen Hund kannst du wegscheuchen. Ein Rudel umzingelt dich und greift gemeinsam an.

 

In Patagonien wurde ich von einem Hund gebissen. Alles geschah sehr schnell. Ich ging mit einem Freund durch eine Geisterstadt und in einem der verlassenen Häuser hörten wir Hundegebell. Wir liefen die Straße entlang und wie aus dem Nichts biss mir einer der Hunde in die Wade und war wieder verschwunden. Dies geschah ohne Vorwarnung und ich hatte noch nicht mal bemerkt, dass die Hunde uns gefolgt waren. Der Biss war nicht weiter schlimm, aber seitdem bin ich im Umgang mit Hunden verunsichert und das können die Hunde sicher spüren, was schwierige Situationen nicht leichter macht.

 

11. Hast du Tipps für mich, wie ich damit besser umgehen kann?

Wenn du den Hund nicht siehst, ist das schlecht. Ansonsten kann ich immer wieder nur sagen Abstand halten, Augenkontakt vermeiden, nicht anfassen. Egal wo oder wann dir ein Hund begegnet.

 

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12. Erst vor ein paar Tagen bin ich auf einer Wanderung mehreren Hunden begegnet. Alle haben zuerst gebellt, aber relativ schnell mit dem Schwanz gewedelt und wollten eine Streicheleinheit. Ist es okay sie zu streicheln oder lieber nicht?

Einen unbekannten, wilden Hund zu streicheln ist eher lebensmüde. Grundsätzlich gilt: Finger weg! Die Annäherung eines Strassenhundes ist keine Erlaubnis zum Streicheln! Sie wollen uns feinstofflich abchecken und einordnen. Das heisst nicht, dass sie angefasst werden möchten.

 

Wir streicheln Hunde, um ihnen unsere Gunst mitzuteilen und zu sagen „Ich mag dich, keine Angst“. Aber für diese Hunde sind Berührungen durch Menschen meist unbekannt und verursachen ihnen Stress. Wozu also anfassen? Sie spüren unsere friedliche Absicht in unserer Präsenz und Körpersprache, das reicht ihnen. Viel wichtiger als Streicheln wäre, ihnen FUTTER zu geben!

 

Nicht zu vergessen, dass viele dieser Strassenhunde krank und von inneren und äußeren Parasiten befallen sind. Erreger werden dann durch Berühren oder Belecken übertragen.

 

Dazu kommt noch das große Risiko der Tollwut. In Entwicklungsländern gibt es keine Impfkontrolle darüber. Tollwut wird durch Affen oder Fledermäuse übertragen. Und auch tollwütige Hunde haben liebevolle Phasen! Also, lieber Finger weg von Strassenhunden.

 

Link-Tipp: Mehr Infos zu typischen Reiseimpfungen und auch Tollwut-Impfung findest du hier.

 

13. Etwas später sind mir dann zwei Hunde gefolgt. Einer der beiden, ein junger Rüde, wollte spielen und war dabei ziemlich grob. Er hat mir in die Wade gebissen, ohne die Haut zu verletzten, aber ich hatte einen ordentlichen blauen Fleck danach. Wie bremse ich den Enthusiasmus von jungen Wilden?

Gar nicht! Es sind Tiere. Genauso spielen sie nun mal. Sei darauf gefasst und rechne mit dem Schlimmsten. Wenn du für Hundespiele zu sensibel bist, spiele nicht mit ihnen. Du bist kein Hund und kein Rudelmitglied. Also warum sollte sich der Hund an deine Bedürfnisse anpassen? Mit seiner Heftigkeit hat er dich ausgetestet und hätte später vielleicht auch richtig gebissen. Denn er hat sofort gemerkt, dass du ihm unterlegen bist.

 

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14. Mir ist es schon einige Male passiert, dass mir aggressive Hunde auf Wanderungen den Weg versperrt haben. Was mache ich dann? Was sollte ich vermeiden?

Wie schon gesagt, immer komplett ignorieren, langsam laufen und Gestikulieren mit den Armen vermeiden. Das beste wäre, ihnen Futter hinzuschmeissen. Aber es sollte richtiges Essen sein, kein Trockenfutter. Denn Strassenhunde trinken viel zu wenig und lehnen das Chemiefutter meist instinktiv ab.

 

Nimm dir immer vom Hotel-Buffet was trockenes mit. Also Brot, gekochte Eier oder Pfannkuchen. Fleisch wäre natürlich ideal. Mach kleine Bröckchen und werfe sie den Hunden hin, zwei bis drei Meter von dir weg. Dann sind sie mit dem Futter beschäftigt und du kannst dich langsam entfernen.

 

Das gleiche gilt, wenn du mit Fahrrad oder Moped unterwegs bist. Bei aufdringlichen Hunden immer anhalten und Futter werfen, dann langsam entfernen.

 

15. Wir haben jetzt nur über Probleme gesprochen, dabei haben es Straßenhunde nicht leicht. Wie kann ich Straßenhunden helfen?

Das beste wäre, die Strassenhunde nicht zu sehr an Menschen zu gewöhnen. In Entwicklungsländern, wo Einwohner eine dunkle Haut haben, ist es weniger dramatisch. Die Hunde halten sich von den Einheimischen aufgrund schlechter Erfahrungen sowieso fern.

 

Aber in Europa, wo alle Menschen gleich aussehen, kann es passieren, dass die Hunde zutraulich werden. Sie verlieren ihre natürliche Skepsis und können dann nicht mehr unterscheiden zwischen freundlichen Touristen und … gefährlichen Hundefängern. Es ist wie immer im Leben – alles hat zwei Seiten.

 

Mein Balihund und die Menschen

 

Ich habe Bonnie im Alter von ca 6 Wochen am Straßenrand erworben. Er saß mit seinen Geschwistern traurig in einem winzigen Gitterkäfig. Als ich mit ihm im Alter von 8 Wochen das erste mal spazieren ging, kam uns ein Balinese entgegen.

 

Mein kleiner winziger Knirps hat sich sofort in die Leine gehängt und mich mit aller Kraft auf die andere Strassenseite gezogen – um in großem Bogen diesem Einheimischen auszuweichen…  Im Gegenzug hatte er niemals Angst vor weißen Menschen.

 

 

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Vielen Dank für das Interview!

Mir ist durch das Gespräch vor allem eins klar geworden. Strassenhunde sind wilde Tiere und keine Haustiere, wie wir sie von zu Hause kennen. Sie sind nicht an den Menschen gewöhnt und haben oft leider schlechte Erfahrungen mit ihm gemacht. So sind sie unberechenbar, da du ihre Vorgeschichte nicht kennst und nicht in sie hineinschauen kannst. Natürlich sind viele einfach verängstigt und nicht gefährlich. Aber ich werde auch in Zukunft vorsichtig im Umgang mit Strassenhunden sein und ihnen aus dem Weg gehen, wenn das möglich ist.

 

Schau mal bei Antje Hebel auf Cityhunde vorbei. Hast du einen Strassenhund adoptiert, wird dich ihr kostenloses eBook interessieren

 

 

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