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Der Pacific Crest Trail: Zu Fuß quer durch Amerika

Eine Frau. Ein Ziel. In 139 Tagen ist Denise 4.265 Kilometer von der mexikanischen Grenze bis nach Kanada quer durch die Wildnis der USA gewandert. Nichts hat sie aufgehalten, nicht die Hitze der Wüste, keine verschneiten Pässe und auch die Waldbrände konnten sie nicht stoppen.

 

Somit gehört Denise zu den wenigen Thru Hikern, die es geschafft haben. Nur etwa ein Viertel der Leute, die auf dem PCT starten, kommen auch an.

 

Ich freue mich, dass ich Denise über ihren großen Trip ausfragen durfte. Es ist immer inspirierende zu hören, wie andere Leute ihre Auszeit nutzen. Schau auf ihrem Blog MILES’N’MUSIC vorbei, wenn du mehr über ihre PCT-Erfahrung erfahren willst.

 

 

Der Pacific Crest Trail

Die meisten Wanderer starten den PCT in Campo, was an der mexikanischen Grenze in Kalifornien liegt. Danach geht es durch die Wüste, immer weiter gen Norden durch die Sierra Nevada, Oregon und Washington, bis zur kanadischen Grenze.

 

Die Herausforderungen

Das Zeitfenster für einen Thru-Hike ist klein. Der Start ist normalerweise im April oder Mai, bevor es in der Wüste zu heiß wird und die Pässe der High Sierra passierbar sind. Dann beginnt ein Wettrennen gegen die Zeit, da alle vor dem Winter in Kanada ankommen wollen, was etwa Ende September ist. Das bedeutet mindestens 30 Kilometer pro Tag laufen.

 

Der Weg führt durch fünf verschiedene Klimazonen, teilweise mitten durch die Wildnis ohne Versorgungsmöglichkeiten. Das erfordert einiges an Planung, wo können Vorräte aufgefüllt werden und wann braucht man ein Versorgungspaket mit neuer Ausrüstung und Nahrung. Zum Glück gibt es viele helfende Hände, die sogenannten Trail-Angels versorgen die Wanderer mit Essen, bieten ihnen eine Schlafmöglichkeit oder einen Lift zur nächsten Stadt an.

 

Das sind natürlich noch lange nicht alles. Auf dem Weg warten bis zu 4.000 Meter hohe Bergpässe, Wind und Wetter, eisige Nächte in den Bergen und Hitze in der Wüste, neugierige Bären, Blasen an den Füssen und schlimmere Verletzung, manchmal will der Körper nicht mehr weiter.

 

Der Pacific Crest Trail ist eine Herausforderung an Körper und Geist. Und trotzdem zieht er jedes Jahr mehr Menschen an.

 

Der Film „Wild – Der große Trip“

Ende 2014 kam der Film mit Reese Witherspoon in die Kinos und löste einen kleinen Hype um den Pacific Crest Trail aus. Seitdem kennen nicht nur eingefleischte Wanderer seinen Namen und er hat viele Leute inspiriert, es selber zu versuchen. Während 2013 nur 1.900 Wanderer eine Permit beantragt haben, so waren es 2018 bereist über 7.300 Leute.

 

Eine davon war Denise.

 

Das PCT-Interview: Wie war’s Denise?

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Hi Denise, stell dich kurz vor.

Hey! Ich bin Denise, mittlerweile 29 Jahre, abenteuerlustig und gerne draußen unterwegs. Ich tingel gerne in Island, Schottland und ähnlichen Gegenden herum, lebe sonst aber mit ganz normalem 9-to-5-Alltag in Bonn.

 

Was war die längste Wanderung, die du vor dem PCT gelaufen bist?

Ich wandere seit ein paar Jahren mit meiner Schwester auf verschiedenen Wegen in Europa. Die meisten meiner vorherigen Touren waren 120-150 km lang. 2016 bin ich den 154 km langen West Highland Way in Schottland gewandert. Das war der Längste.

 

Es gibt so viele Fernwanderwege, warum hast du dich für den Pacific Crest Trail entschieden?

Meistens bin ich in kälteren Regionen unterwegs, aber der PCT schien eine perfekte Mischung aus allen Klimazonen zu bieten – ohne zu viel mit Regen kämpfen zu müssen. Außerdem liebe ich die amerikanische Westküste und fand die Idee ganz schön, dass man Richtung Norden geht. Deswegen kam eigentlich nie ein anderer Trail für mich in Betracht.

 

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Was war deine Motivation für so ein Mammut-Projekt?

2014 bin ich durchs schwedische Fjäll gewandert, hatte tagelang keinen Handyempfang und habe auch keine Straße gekreuzt. Dieses Gefühl des „draußen seins“ fand ich unglaublich befreiend. Ich dachte mir dann „Warum nicht noch weiter? Und noch wilder?“ Dieser Wunsch wuchs dann über die Jahre.

 

Wie lange hast du für die Vorbereitung gebraucht?

Die Idee habe ich über mehrere Jahre hin vertieft. Konkret wurde es dann im August 2017 – neun Monate vor Aufbruch. Da habe ich mit meinem Chef gesprochen und mir unbezahlten Urlaub geben lassen. Damit fing die Planung an.

 

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Wie bist du zu deinem Trail-Namen Icebear gekommen?

Meine Trailbuddies tauften mich nach ca. zehn Tagen auf dem Trail. Wie bereits erwähnt bin ich sonst eher in nordischen Gebieten unterwegs. Der Name wurde mir also aus mehreren Gründen verpasst. Erst einmal, weil ich mich in der Wüste immer über meinen gerade dahinschmelzenden „inneren Eisbären“ beschwert habe. Außerdem hatte ich eine Cap mit Bärenaufdruck. Nachts trug ich dann immer meine „66°North ICEland“-Mütze. Da lag es quasi auf der Hand.

 

Was waren deine Lieblingsecken auf dem Trail?

Das ist eine gute Frage. Tatsächlich fand ich jeden Tag irgendwas besonders schön. Meistens die Aussichten und Sonnenaufgänge. Aber zu meinen Lieblingsecken zählte definitiv die Wüste – das war so anders und neu für mich – und viel lebhafter und abwechslungsreicher als man es sich vorstellt. In den Bergen von Washington fühlte ich mich dann aber auch sehr heimisch.

 

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Gab es Momente, wo du ans Aufgeben gedacht hast? Wie hast du dich dann motiviert, weiter zu machen?

Auch wenn es vielleicht wie Angeberei klingt: Aber es gab tatsächlich keine Sekunde, in der ich ans Aufgeben gedacht habe. Irgendwie ging es einfach immer weiter – getreu dem Motto „Da musst du jetzt durch.“ An einem Abend mussten wir in einer ganz fiesen Mückenregion zelten und hatten während des Zeltaufbaus bestimmt 100-150 Moskitos um uns herum schwirren. In diesem Moment dachte ich „Wenn das jetzt so weitergeht, halte ich das nicht durch.“ Aber zum Glück blieb dieser Abend eine Ausnahme.

 

Die Gemeinschaft auf dem Trail ist stark, seien es Mitwanderer oder Trail Angel. Was haben dir die Menschen bedeutet?

Um es kurz zu sagen: eine Menge! Einige Mitwanderer sind richtig gute Freunde geworden und haben mich monatelang begleitet. Es war auch immer toll, bekannte Gesichter wieder zu sehen. Manchmal erst nach über 2.000 Meilen. Noch besser war es natürlich, wenn man ausgehungert oder durstig einem Trail Angel begegnete. Die hatten meistens kalte Cola im Gepäck. Das ist dann ein himmlischer Moment. Aber auch ganz abgesehen davon, war ich immer wieder überrascht wie positiv neugierig, hilfsbereit und gastfreundlich die Menschen entlang des Trails waren. Da habe ich ganz viele tolle Erinnerungen.

 

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139 Tage warst du insgesamt unterwegs. Wie viele Kilometer bist du pro Tag gelaufen? Und wie oft hast du dir einen Ruhetag gegönnt?

Wenn man das jetzt mal ganz trocken ausrechnet, kommt man auf 30,7 km pro Tag. Da sind meine Zero-Days noch nicht mit eingerechnet. Pro Wandertag bin ich also noch weiter gelaufen. Im Endeffekt sah es aber so aus, dass ich anfangs meist 25-30 km gelaufen bin, später dann aber locker 40-50 km. An meinem längsten Tag habe ich 60 km zurück gelegt. Keine Ahnung, wie ich das geschafft habe.

 

Hattest du immer genug zu Essen dabei? Wovon hast du dich ernährt?

Mein Essen habe ich gut geplant, denn bereits nach zwei Wochen habe ich festgestellt, dass ich einfach nicht leistungsfähig war, wenn ich nicht genug gegessen hatte. Bei den langen versorgungsfreien Strecken in den Sierras habe ich mich die ersten Tage immer zurück gehalten, damit es bis zum letzten Tag reicht. Dabei habe ich meistens eine ganze Menge Mist gefuttert: Fertignudeln, Pop-Tarts (die Lust auf Porridge ist mir nach einem Monat vergangen), Energieriegel, Tortillas mit Käse – und jeden Abend eine Handvoll M&Ms.

 

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Was ging dir durch den Kopf, als du an der kanadischen Grenze ankamst?

„Muss ich jetzt weinen?“ – Nein, im Ernst: Die Frage, was ich am Ende wohl denken würde, habe ich mir natürlich den ganzen Trail über selber gestellt. Und als ich dann an der Grenze ankam, war mein Kopf einfach nur leer. Ich hatte gerade die härteste Woche des PCTs hinter mir, habe meine Trail Family auf einer Fire Detour verloren und bin tagelang mit heftigen Schmerzmitteln gelaufen, weil mein Fußgelenk sich entzündet hatte. Ich war einfach nur fertig und froh, es geschafft zu haben. Das war die pure Erschöpfung.

 

Würdest du rückblickend etwas anders machen?

Ich glaube nicht. Ich hätte mich vielleicht etwas mehr darüber informieren können, was man auf dem Trail essen bzw. kochen kann. Meine Ernährung war echt eintönig. Aber ich habe es ja auch so geschafft.

 

Wie viel hat dich der Trip insgesamt gekostet?

Mit allem drum und dran bin ich locker auf 8000 € gekommen – 3000 € für die Vorbereitung und 5000 € für das Leben auf dem Trail. Obwohl das jetzt auch eine Schätzung ist, denn ich habe meine Ausgaben nicht protokolliert.

 

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Du bist jetzt seit einigen Monaten zurück. Inwiefern hast du dich durch die Wanderung verändert?

Spontan geantwortet nicht viel. Ich glaube, ich bin selbstbewusster geworden und weiß jetzt, dass ich mehr schaffe, als ich mir das vorher vielleicht zugetraut hätte. Außerdem denke ich, dass ich insgesamt zufriedener geworden bin und nicht mehr diesen großen Drang verspüre 4.270 km quer durch Amerika laufen zu müssen. Mal sehen wie lange das noch anhält. Manchmal erwische ich mich tatsächlich, wie ich aus dem Fenster schaue, einen Punkt im Grünen fixiere und mir vorstelle, wie ich gerade auf dem Trail entlangwandere…

 

Vielen Dank für das Interview!

 

Ich bin gespannt, wann die Abenteuerlust Denise wieder packt und wohin es dann geht.