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Overtourism: Wir sind Teil des Problems

Mit meinem Blog ermutige ich Leute zu reisen, aber manchmal denke ich, wann ist es zu viel?! Jeder scheint mittlerweile das Reisen für sich zu entdecken, was super ist. Aber wir müssen aufhören, an die gleichen Orte zu reisen.

 

Die Welt ist riesig. Würden wir uns einfach besser verteilen, hätten wir viele Probleme nicht. So könnten gehypte Destinationen entlastet werden und unbekannte Orten bekämen mehr Zulauf. Denn Tourismus an sich ist eine große Chance, Menschen näher zusammen zu bringen, alte Traditionen und Naturräume zu erhalten, er ist eine gute Einnahmequelle und bringt Fortschritt.

 

Dies ist ein etwas anderer Artikel, denn ich spreche selten über die Schattenseiten des Reisens.

 

Bali hat sich verändert

Nicht zum ersten Mal denke ich über das Thema nach, aber ganz besonders seit meinem letzten Besuch in Bali. Denn ich will ehrlich sein, ich habe Bali nicht wiedererkannt. Zwölf Jahre sind vergangen seit ich zuletzt auf der Insel der Götter war und es hat sich nicht unbedingt zum Guten gewandelt.

 

Es ist einfach zu viel: der Verkehr, der Lärm, überall wird gebaut, noch mehr Hotels, der Kommerz und dann die vielen Touristen.

 

Irgendwie hat es Bali geschafft nicht komplett seine Anziehungskraft zu verlieren, aber sie ist stark verwässert. Besonders außerhalb der Touristen-Hotspots findest du noch mehr vom alten Bali, aber es tut mir trotzdem weh, es so zu sehen. Natürlich sind Veränderungen und Fortschritt normal, aber ein wenig verliert Bali so Stück für Stück seine Identität, seine Einzigartigkeit.

 

Bestes Beispiel hierfür ist Canggu, dass immer beliebter bei Reisenden und Digitalen Nomaden wird. Es ist eine eigene „Bubble“, in der es sich gut leben lässt, aber die kaum noch etwas mit Bali zu tun hat. Die meisten modernen Cafés, Bars, Restaurants, Unterkünfte, Shops oder Yoga-Studios werden von Ausländern betrieben. Oft hatte ich das Gefühl in Australien zu sein, in einem hippen Stadtteil von Melbourne, das mitten in einem Reisfeld liegt.

 

Same same but different: Irgendwann wird alles gleich sein.

 

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Overtourism: Wenn Orte überwältigt sind vom Ansturm

Seit Jahrzehnten reisen immer mehr Leute und ein Ende des Wachstums ist nicht in Sicht. Denn ganz neue Nationalitäten, wie die Chinesen und Inder, fangen auch an international zu reisen. Das führt unweigerlich zu Problemen und es wird wahrscheinlich noch schlimmer.

 

Das Nachsehen haben die Einheimischen

Neben der Identitätsfrage müssen sich überrannte Touristen-Hotspots noch ganz anderen Herausforderungen stellen. Die lokale Bevölkerung wird zunehmend im täglichen Leben von Touristen behindert. Orte sind überfüllt, Preise steigen und Wohnraum wird knapp. Einige Gäste verhalten sich respektlos und rücksichtslos.

 

Ich kann mich noch an Vang Vieng in Laos erinnern, wo die Menschen diesen leeren Gesichtsausdruck hatten. Sie waren zwar freundlich, aber es fehlte die Herzlichkeit, die ich so in Laos liebte. Sie sind die Touristen einfach satt, aber verdienen noch ihren Lebensunterhalt mit ihnen und tolerieren daher ihr Verhalten.

 

Und wer Vang Vieng nicht kennt, dem soll gesagt sein, dass hier (früher zu mindestens) Leute jegliche Hemmungen verloren, sich mit Drogen zu dröhnten und sich absolut daneben benahmen. Das trifft natürlich nicht auf alle Reisenden zu, aber ich kann die Einheimischen verstehen. Sie haben schon zu viel Sch*** gesehen und verstehen es nicht, jetzt sind sie einfach müde.

 

Aber wir müssen gar nicht so weit schauen, Mallorca, Venedig, Barcelona oder Amsterdam sind weitere gute Beispiele. Jeden trifft es vor Ort, auch wenn sie keinerlei Vorteile durch die Touristen genießen, sondern nur unter den Nachteilen leiden. In Amsterdam finden Einheimische keine bezahlbaren Wohnungen mehr im Stadtzentrum, da ein Großteil der Wohnungen an Touristen vermietet werden. Hier spielt Airbnb eine große Rolle. In Mallorca haben sie längst genug vom Ballermann-Tourismus. Venedig und Barcelona haben ihre Belastungsgrenzen schon lange überschritten. Es reicht!

 

Kein Wunder also, dass die Kritik der Einwohner immer lauter wird und vermehrt Besucherlimits gefordert werden und Regeln, die ihre Rechte schützen sollen. Auch um die Natur machen sich viele Sorgen.

 

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Die Umwelt leidet darunter

Was vom Massenansturm des Overtourism bleibt, sind weitere Probleme. Denn die Infrastruktur ist für so viele Menschen meist nicht vorhanden, wohin mit dem ganzen Müll und woher das Wasser nehmen. Sensible Ökosysteme werden in Mitleidenschaft gezogen und die Umwelt belastet.

 

Viel früher müsste dem Ganzen eigentlich Einhalt geboten werden, aber die Verantwortlichen reagieren gar nicht oder meist viel zu spät, weil sich alle über die zusätzlichen Einnahmen freuen. Aber das ändert sich gerade.

 

In 2018 hat Thailand den berühmten Strand aus dem Film „The Beach“ gesperrt, damit sich die Natur erholen kann. Und damit sind sie nicht alleine, auch die Philippinen haben Boracay gesperrt, weil zu viel zerstört wurde. Sie haben die Notbremse gezogen, bevor es kein zurück mehr gibt.

 

Island ächzt auch unter dem Ansturm. Nach der Finanzkrise 2008 war der Tourismus die große Rettung, aber seitdem kommen immer mehr Touristen, was zunehmend zum Problem wird. Viele Teile der Bevölkerung fordern daher die Besucherzahlen einzudämmen, um ihre einzigartige Natur, ihr Kapital, zu schützen.

 

Ich war selber geschockt, wie voll es in Island ist und das war vor zwei Jahren. Jetzt mag ich es mir nicht vorstellen.

 

 

Reisegruppe in China

 

Reisen macht weniger Spaß

Denn ich muss dir etwas gestehen: Ich selber mag keine Touristen. Das mag sich paradox anhören, da ich selber eine bin. Aber Orte, an denen es von Touristen wimmelt, meide ich mittlerweile. Es sind einfach zu viele Menschen, was lange Schlangen, höhere Preise und mehr Kommerz bedeutet. Und Orte wie Island verwässert, da die Natur mehr in den Hintergrund rückt. Sie wird zum Fotomotiv.

 

Das Reisen war noch nie so einfach und bequem wie heutzutage, was Segen und Fluch zugleich ist. Ich genieße es, dass es überall nette Unterkünfte mit Wifi gibt und eine gute Infrastruktur, die mir das Leben erleichtert. Ich folge der Masse, bin ein Mitläufer. Ich kann die Vorteile zweier Welten genießen, was komfortabel ist, aber mich des „Thrills“ des Reisens beraubt.

 

Oft weiß ich schon, was mich vor Ort erwartet, was mir Sicherheit gibt und Stress erspart. Ich habe über den Ort gelesen, eine Unterkunft online gebucht und kann mich nicht mehr verlaufen, da mein Smartphone immer in der Tasche ist.

 

Aber wenn ich zurückdenke, werden diese Tage mit der Zeit zu einer grauen Masse, die ich nicht mehr auseinanderhalten kann.

 

Magische Reisemomente entstehen durch einmalige Erlebnisse mit Menschen, Situationen außerhalb meiner Komfortzone und Orte, die ich ohne Vorwissen selber entdecke. Diese Erinnerungen haben sich bei mir eingebrannt und sie sind der Grund, warum ich reise.

 

Und noch etwas ist ein Fluch: Instagram

Ich liebe es durch meinen Feed zu scrollen und neue Inspirationen zu finden. Aber zeitgleich schafft es eine Erwartungshaltung, die oft enttäuscht wird. So erlebe ich einen Ort gleich zweimal, nur leider zuerst durch die Linse eines guten Fotografen.

 

Und dann gibt es noch den Instagram-Effekt, wo Locations so weit stilisiert werden und einen Hype auslösen. Dabei wird der Ort zweitrangig, weil nur das Foto zählt, was möglichst nah am Vorbild sein muss. Anders kann ich mir die immer gleichen Fotos auf Instagram nicht erklären, die mich ehrlich gesagt langweilen.

 

Sorry, für den negativen Vibe.

 

peru-machu-picchu

 

Wie können wir das ändern?

Verantwortung als Reiseblogger und Instagramer

Wir Reiseblogger und Influencer müssen uns viel mehr unseren Einfluss bewusst machen und sollten diesen viel vorsichtiger einsetzen. Und uns immer die Frage stellen: Über welche Reiseziele will ich berichten, welche eher unbekannte Reiseziele kann ich unterstützen und über welche Ziele schreibe ich lieber gar nicht, weil sie einen großen Ansturm nicht überleben würden und deshalb besser geheim bleiben.

 

Aber ganz so einfach ist das natürlich nicht, weil wir von den Einkünften abhängig sind, sonst könnten wir nicht so viel Arbeit und Energie reinstecken. Und ein Artikel über Kasachstan weckt natürlich viel weniger Interesse, als Thailand. Daher werde ich auch in Zukunft über die beliebte Reiseziele schreiben und auch weiterhin empfehlen die Klassiker, wie Angkor oder Machu Picchu, zu besuchen. Nicht ohne Grund sind sie so beliebt, weil sie nun mal einzigartig und beeindruckend sind.

 

Es ist ein Dilemma, in dem wir stecken und eine wahre Lösung sehe ich noch nicht. Denn wir sind ein Teil des Problems und müssen Verantwortung übernehmen.

 

Das mag sich jetzt alles ziemlich negativ für dich anhören und ich möchte nicht dazu aufrufen, nicht mehr zu reisen. Aber wir müssen aufhören, an die gleichen Orte zu reisen, oder zu mindestens nicht nur an diese. Wir können alle ein Teil der Lösung sein.

 

Jeder kann etwas tun

  • Entscheide dich für weniger bekannte Reiseziele.
  • Wenn es ein beliebtes Land ist, besuche auch neue Ecken.
  • Folge nicht dem Instagram-Hype.
  • Teile nicht alles online. Und sei ehrlich.
  • Reise in der Nebensaison.
  • Achte darauf, dass dein Geld an Locals geht.
  • Sei respektvoll und rücksichtsvoll.
  • Reise nachhaltiger (weniger Fern- und Flugreisen, Müll vermeiden, Wasserverbrauch reduzieren, etc.)

Zu diesem Thema werde ich schon bald etwas ausführlicher schreiben.

 

Was denkst du?

 

 

5 Comments

  • Ulrike

    Ich habe es noch nie verstanden, warum jemand irgendwohin reist, weil alle dahin reisen. Warum man ein Foto macht, dass genauso aussehen muss wie Tausende andere.
    Ich schaue mir gerne die bekannten Sehenswürdigkeiten an. Aber meistens reise ich außerhalb der Saison. Ich habe mich schon immer unwohl gefühlt, wenn ich in abgelegene Dörfer bin. Da fühle ich mich als Stadtmaus einfach fremd. Andererseits finde ich auch mal einen entspannten Badeurlaub in einem großen Hotel gut. Denn es sind die großen, guten Hotels, die sich eine Kläranlage und vernünftige Müllentsorgung leisten können.
    Beste Grüße
    Ulrike

  • Florian

    Guter Artikel. Wir sind Teil des Problems, aber wie du sagst auch Teil der Lösung.

    Ich schicke garantiert nicht noch mehr Leute nach Koh Phi Phi. Lieber sogenannte „Geheimtipps“ ausplaudern 😉

    • Claudia

      Danke Florian (ich finde deine Geheimtipps immer spannend)

  • Oli

    Das sehe ich genau so. Als Reiseblogger (und Reise-Instagrammer) haben wir hier eine Art Vorbildfunktion und auch Verantwortung, die wir stärker wahrnehmen sollten. Und doch scheint mir, dass dies viel zu wenig passiert. Bei den meistens gehts dann doch nur um Thailand und Bali, New York und allenfalls die klassischen Metropolen in Europa. Es gibt so wenig Blogger, die wirklich abseits der Trampelpfade reisen.

    Ich glaube, ein Problem ist auch, dass die entsprechenden Artikel viel zu wenig Beachtung finden. Ich habe mir vor einiger Zeit einmal überlegt, eine rotierende Linksammlung ins Leben zu rufen im Stil der Monatsrückblicke der Nordnerds: https://www.nordnerds.com/monatsrueckblick/ Aber ich konnte damals niemanden finden, der mitmachen wollte.

    • Claudia

      Die Idee finde ich gut, aber die Umsetzung finde ich schwierig. Würdest du es nur auf eine Region beschränken wollen?

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